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Auf der Suche nach dem Sinn

 
     
 
Als wir Europäer vor einigen Wochen überzeugte Moslems gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen haben demonstrieren sehen, reagierten wir mit Unverständnis. Ähnlich verständnislos beobachteten viele Protestanten den in ihren Augen im Vatikan abgehaltenen Zinnober um den Tod des Papstes Johannes Paul II. Doch die meisten, der an den Ereignissen Beteiligten, glauben voller Inbrunst an das, was bei anderen Irritation auslöst.

Martin Urban, bis 2002 langjähriger Leiter des Wissenschaftsressorts bei der "Süddeutschen Zeitung
", hat sich in seinem Buch "Warum der Mensch glaubt - Von der Suche nach dem Sinn" diesem Phänomen angenommen und es anhand von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Religionswissenschaft, Gehirnforschung und Psychologie untersucht.

Eindrucksvoll macht Urban deutlich, wie sehr der Mensch in Bildern denkt, und daß er stets auf der Suche nach dem Sinn war und ist. Wo der Glaube - egal welcher - weit verbreitet ist, fällt den Menschen das Leben leichter. Falscher Glaube könne so laut dem Göttinger Anthropologen Volker Sommer vorteilhafter sein, als gar kein Glaube, denn es sei schwieriger an nichts zu glauben, als irgendeiner Ansicht anzuhängen - mag sie auch noch so absurd sein -, denn Ansichten geben Sicherheit und liefern Erklärungen. Wie widersinnig manchmal ein nach der jeweiligen Weltsicht "reines Gewissen" in den Augen anderer sein kann, macht Urban an zahlreichen Beispielen deutlich. "Du sollst nicht töten" heißt es so beim Christentum, denkt man dann aber an die vielen im Auftrag des Glaubens Getöteten, offenbart sich ein deutlicher Widerspruch.

Wirklich religiösen Menschen werden die Ausführungen Martin Urbans nicht gefallen, da er nichts von allgemeingültigen Dogmen hält. Immer wieder zitiert er Immanuel Kant, der für ihn der große Vordenker der Aufklärung ist. Ein Fanatiker, so definierte Kant 1764, "ist eigentlich ein Verrückter von einer großen Vertraulichkeit mit den Mächten des Himmels. Die menschliche Natur kennt kein gefährlicheres Blendwerk."

Aber: "Muß man ein Dummkopf sein, um zu glauben", fragt Urban. "Manchmal bekommt man diesen Eindruck, wenn es unerwartet klingelt und an der Haustür zwei Gestalten stehen, die freundlich mit dem ,Wachturm wedeln." Urbans Antwort auf seine Frage ist jedoch keineswegs so schlicht, wie er andeutet. Differenziert erklärt er verschiedene Glaubensrichtungen, ihre Entstehung, ihre Hochzeiten, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Der Drang des Menschen, alles zu erforschen, hat schon viele Erkenntnisse gebracht, trotz allem ist noch vieles im Dunkeln. "Gegen die, wie ich meine, unredliche Gewißheit setze ich auf Hoffnung." Glaube gibt Hoffnung ... und Urbans Buch außerordentliche Denkanstöße.

Martin Urban: "Warum der Mensch glaubt - Von der Suche nach dem Sinn", Eichborn, Frankfurt 2005, geb., 254 Seiten, 19,90 Euro
 
     
     
 
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